"Nicht so einen stockfinsteren Glauben"
Quelle: Rainer Ebert
25.07.2010
Herr Müller, theologischen Konservativen gelten Sie als eine einzige Zumutung. Haben Sie Verständnis dafür?
Burkhard Müller: Ein Stück weit schon. Aus deren Sicht greife ich das Zentrum ihres Glaubens an. Unter theologischen Konservativen ist ein schauriger Blutopfer-Glaube in zwei Varianten verbreitet. Manche sagen, Gott selbst habe seinen Sohn Jesus opfern müssen, um den Menschen ihre Schuld vergeben und seinen Zorn überwinden zu können. Andere argumentieren, nicht Gott habe dieses Blutopfer gebraucht, sondern der Mensch, um mit Gott versöhnt zu werden. Beiden Positionen gemein ist die Annahme, es habe Blut fließen müssen, damit Gott und Mensch eine Beziehung führen können. Diesen Irrglauben halte ich für unbiblisch und unzumutbar.
Immerhin gibt es Menschen wie Mutter Teresa, die mit diesem Glauben zu gewaltigen Leistungen fähig waren oder noch sind.
Müller: Das will ich ja gar nicht bestreiten. Nur fürchte ich, dass beeindruckende Menschen wie Mutter Teresa eher die Ausnahme darstellen. Das Gottesbild der Sühneopfertheologen ist grausam. Es proklamiert einen extrem zornigen Gott, der seinen eigenen Sohn sterben sehen muss, um seine Empörung zu besänftigen. Wenn aber der eigene Gott so grausam ist, dann steigt auch die Gefahr, dass man selbst Gewalt ausübt und zum Krieger im Namen des Herrn, zum Kreuzritter wird.
Solche Exzesse sind sehr selten.
Müller: Stimmt, häufiger konnte man bis vor einigen Jahrzehnten eine andere Folge des Sühneopferglaubens beobachten: seelische Gewalt. Denn wenn wir wirklich so schuldig sind, dass Gott deswegen seinen Sohn kreuzigen lassen musste, müssen wir auch mit einem Bewusstsein unserer Schuld gegenüber Gott herumlaufen. Und so wurde und so wird Menschen mancherorts noch immer Schuldgefühl mit der Brechstange vermittelt.
Ein Beispiel?
Müller: Ich selbst habe mich als Konfirmand noch regelmäßig im Gebet als „armen, elenden, sündigen Menschen“, der sich gegen Gott auflehne, bezeichnen müssen, obwohl ich mir gar keiner Schuld bewusst war. In dieser düsteren, verklemmten Atmosphäre habe ich mehrfach erlebt, dass einer von uns pubertierenden Konfirmanden die Oblate beim Abendmahl wieder erbrochen hat, weil insgeheim alles in uns gegen diese erzwungene Selbstverdammung rebellierte. Wirklich pervers wird es aber, wenn man Vertretern der Sühneopfertheologie erwidert, man sei nicht schuldig und lehne sich auch nicht gegen Gott auf, weil man ihn ja gar nicht gefunden habe, sondern suche.
Klingt einleuchtend ...
Müller: … ist aber für so manchen Sühnetheologen die schlimmste aller Sünden! Die erklären wirklich jeden für sündig. Wer als suchender Mensch Gottes Existenz nicht bejahen kann, ist im Sinne des Sühneopferglaubens sogar besonders sündig. Seine Auflehnung reicht ja so weit, Gott nicht mal anzuerkennen.
Nicht nur Evangelikale und Lutheraner kritisieren, Sie respektierten die Autorität der Bibel nicht, dort finde sich nun mal der Gedanke des Sühneopfers.
Müller: Das bestreite ich. Fast alle relevanten Bibelstellen lassen sich anders verstehen. Dann werden sie sogar einleuchtender. Aber eins stimmt: Vom kindlichen Glauben an die buchstäbliche Autorität der Bibel rate ich ab. Nur wenn die biblischen Geschichten und Formulierungen poetisch verstanden werden, können sie dem Zeitgenossen noch etwas sagen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Veranschaulichen Sie das mal. Im Neuen Testament heißt es zum Beispiel, Jesus sei als „Lösegeld“ hingegeben worden. Wie deuten Sie das?
Müller: Wörtlich verstanden ergibt das Unsinn. Dann hätte Gott ja mit der Kreuzesqual Jesu den Teufel bezahlt, damit er zumindest von den Gläubigen seine Finger lasse. Poetisch verstanden bedeutet „Lösegeld“ dagegen, dass Jesus eine befreiende Botschaft gebracht hat: Vertrauen auf den liebenden Gott anstelle von Angst vor dem göttlichen Zuchtmeister und Nächstenliebe anstelle von Gesetzlichkeit.
Viele Ihrer Thesen werden von fast allen theologischen Erfolgsautoren der letzten Jahrzehnte geteilt – von Anselm Grün bis Jörg Zink. Warum haben ausgerechnet Sie jetzt solch einen Proteststurm entfacht?
Müller: Gute Frage, vielleicht weil die theologisch Konservativen heute besser organisiert sind und viel mehr öffentlichen Druck ausüben können als noch in den 90er-Jahren. Gelegentlich sucht man sich dann mal einen unliebsamen Geist zu Demonstrationszwecken aus.
Und welcher Strömung gehört Ihrer Meinung nach die Zukunft?
Müller: In Europa sehe ich das liberale Christentum als weitaus zukunftsträchtiger an. Infolge eines sehr tief gehenden Demokratisierungsprozesses glauben die meisten Zeitgenossen nur noch, was ihnen selbst verständlich und erfahrbar ist. Da haben Sühneopfer und Buchstabenglaube kaum Chancen.
Wenn aber nur noch geglaubt werde, was sich begreifen und erfahren lasse, sei Gott bald mausetot und damit die christliche Substanz ausgelöscht, argumentieren Ihre Kritiker.
Müller: Das sehe ich genau umgekehrt. Wer nach 200 Jahren aufgeklärten Christentums immer noch behauptet, man müsse die Bibel wörtlich nehmen und Gott habe Jesus mit dem Foltermord am Kreuz für unsere Sünden büßen lassen, um kurz darauf seine Leiche wieder zu beleben, der verdeckt die zeitlose Substanz des Glaubens.
Welche da wäre?
Müller: Die Auferstehung ist ein bildlicher Ausdruck für die Erfahrung der Jünger, dass mit dem Tod Jesu und mit unser aller Tod nicht alles vorbei ist, sondern dass der Schöpfer dieser Welt größer ist als der Tod und das Nichts. Darin besteht das Zentrum der christlichen Botschaft – nicht in der Fixierung auf einen schaurig-sinnlosen Mord am Kreuz, der uns angeblich erlöst.
Burkhard Müller schweigt plötzlich, als habe er keine Lust mehr auf so ernste Themen wie Kreuz, Leid und Sühnetod. Durch sein Wohnzimmerfenster schaut er auf ein wogendes Sommerfeld, auf ein paar lachende Fahrradfahrer daneben und den stahlblauen Himmel darüber. Dann zeigt er mit dem Arm in Richtung Fenster und setzt fort:
Meinen Sie, der Schöpfer dieser Welt brauche ein Blutopfer, um seinen Geschöpfen wohl zu wollen? Gott will doch Freude – und nicht so einen stockfinsteren Glauben.
Dann lassen Sie uns mal über etwas Vergnügliches reden.
Müller: Gute Idee. Wissen Sie, womit der ganze Streit anfing?
Mit Ihren Radioandachten 2009.
Müller: Ja, die habe ich gehalten, um aggressiven Neoatheisten wie Richard Dawkins eins auszuwischen. Der höhnt permanent, Christen glaubten tatsächlich noch an einen zornigen Zuchtmeister, der eine Art Schlachtopfer brauche, um wieder bessere Laune zu bekommen. Dem wollte ich beweisen, dass die Christen schon längst nicht mehr so einfältig sind, wie er behauptet. Witzig, nicht?


23 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich für andere. Sie spenden oder opfern Zeit auf für Organisationen, im Sportverein oder bei der Betreuung von behinderten Mitbürgern. Geben Gibt macht sie sichtbarer.










