Tatort Kinderseele
von Birgit Schaubach (politik.de)15.03.2010
Katholische Schuleinrichtungen, Internate, Kinderheime. Sie alle gerieten in den letzten Wochen immer wieder wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige, sowie körperlicher und psychischer Gewalt von Erziehungspersonal massiv in die Schlagzeilen. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Irland und in den Niederlanden gibt es seit Wochen tagtäglich neue Meldungen über Missbrauchsfälle in religiösen Erziehungseinrichtungen. Hunderte von Fällen gelangten in die Öffentlichkeit und es werden noch weit mehr befürchtet. Ein unvorstellbares Ausmaß, wenn man bedenkt, dass ein einziger Missbrauch bereits einer zu viel ist.
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Während der Druck auf die katholische Kirche weiter steigt, bewegt sich auch die deutsche Politik etwas und sucht nach Lösungen für den richtigen Umgang mit dem sensiblen Thema. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) kündigt einen runden Tisch für den 23. April mit Vertretern aus kirchlichen Kreisen, Politik und Familien- und Pflegeverbände an. Dort sollen Fragen zu Opferschutz und –hilfe, Präventionsmaßnahmen und Strafverfolgung gekläret werden. Unterstützung für diesen Plan findet Schröder bei ihrer Parteikollegin, Bildungsministerin Annette Schavan. Schavan fordert außerdem nachdrücklich die Verlängerung der strafrechtlichen Verjährungsfristen im Falle von Kindesmissbrauch. Ihren Vorstoß begründet sie mit der Tatsache, dass die Vergehen oft erst nach vielen Jahren bekannt werden.
Diesem Vorschlag steht Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) jedoch äußerst skeptisch gegenüber. Schwierigkeiten sieht sie insbesondere darin, nach so langer Zeit den exakten Sachverhalt rekonstruieren zu können. Der Idee des runden Tisches kann die Ministerin mittlerweile mehr abgewinnen. Dabei betonte sie, er dürfe aber nicht eine strafrechtliche Verfolgung ersetzen. Indes schlägt sie vor, Verantwortliche sollen Missbrauchsopfer auch auf freiwilliger Basis entschädigen. Gleichzeitig geht die Justizministerin mit der katholische Kirche hart ins Gericht und wirft dem Vatikan vor, die Aufklärung von Missbrauchsfällen zu behindern. Dies empört wiederum ihre Koalitionspartner der Union, die der liberalen Politikerin Einseitigkeit vorwerfen.
Meinungen der Parteien

- CDU: Schavan
- Bayern-SPD: Runder Tisch in Sachen Kindesmissbrauch lenkt nur ab
- FDP: Bundesjustizministerin fordert lückenlose Aufklärung
- Bündnis 90/Die Grünen: Der Papst und die katholische Bischofskonferenz sind in der Pflicht
Der deutsche Philologenverband kritisiert hingegen die Idee eines runden Tisches und warf der Politik einen „typischen Aktionismus-Reflex“ vor. Der Verband warnte davor, Schulen unter Generalverdacht zu stellen. Ihr Verbandsvorsitzender Heinz-Peter Meidinger räumt aber ein, dass gewisse Umfelder, wie etwa Internate oder Ganztagsschulen, höheres Gefahrenpotential für Übergriffe bieten und schlägt vor, an jeder Schule psychologisch geschulte Vertrauenspersonen einzusetzen.
Während der Zwist in der Koalition mit diesem schwierigen Thema weitergeht, ist die katholische Kirche um Erklärung bemüht. Der Vatikan lobt laut seinem Sprecher Federico Lombardi das Krisenmanagement in den einzelnen katholischen Einrichtungen in Deutschland und anderen Ländern. Durch Offenheit und die Aufforderung an die Opfer sich zu melden, werde eine rasche Aufklärung der Fälle forciert. Die deutsche Bischofskonferenz kündigte volle Kooperation mit staatlichen Behörden zur Aufklärung der Missbrauchsfälle an. Die Geistlichen sagten auch der Teilnahme an Familienministerin Schröders potentiellem runden Tisch zu.
Der konstruktive Umgang der Kirche mit der Thematik und die einzelnen Bemühungen sowie die schnellen Rücktritte von Verantwortlichen finden positiven Anklang. Nichtsdestotrotz lässt der Vatikan eine Suche nach den Gründen und Ursachen für so viele Übergriffe auf Minderjährige in klerikalen Einrichtungen vermissen. Der Vatikansprecher warnt vor einer Pauschalisierung. Schließlich gebe es nicht nur innerhalb der katholischen Kirche Missbrauchsfälle.
Der Großteil der nun gemeldeten Fälle liegt schon viele Jahre zurück. Während sich die Politik darüber den Kopf zerbricht, ob Missbrauch verjähren kann, müssen die Opfer ein Leben lang mit den Folgen zurechtkommen. Andere Fragen bleiben weiterhin unbeantwortet: Welche Rolle spielt die Sexualmoral der katholischen Kirche bei den Vorfällen der pädophilen Übergriffe? Wie kann ein Generalverdacht gegenüber Pädagogen und insbesondere geistlichen Erziehern verhindert werden? Eine konsequente Aufklärung ist der richtige Weg, eine lückenlose Ursachenforschung jedoch unabdingbar.

















