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Medien und Gesellschaft
WissensWerte: Islamismus
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist der Islamismus zu einem der wichtigsten internationalen Problemfelder geworden. Aber sind Islamisten immer auch Terroristen?
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Herbert Ammon in der FAZ
Der ersehnte dritte Weg
17. März 1999 Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus. Ideologie und Bewegung 1890bis1933. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München, 1998. 368 Seiten, 49,90Mark.
Der Begriff "Nationaler Sozialismus" steht hier einerseits für all jenepolitischen Strömungen, die gemeinhin im Begriff "Faschismus" zusammenfließen,andererseits suggeriert er ideologische Verwandtschaft zum traditionellen,internationalistischen Sozialismus, dem historischen Erzfeind des Faschismus.Durch derlei Begriffsassoziationen müssen sich nicht nur alle jene Linkeherausgefordert fühlen, die nach wie vor am Begriff des humanistischenSozialismus hängen, sondern auch linksliberale Verfechter des "deutschenSonderwegs".
Ehe Karlheinz Weißmann darangeht, die breitgefächerten Wurzeln jener Bewegungenund Parteien aufzudecken, die in fast allen industriell entwickelten StaatenEuropas bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein ideologisches Amalgam vonnationalistischen und sozialistischen Ideen repräsentierten, hat er sichtheoretisch abgesichert. Als konservatives Leitmotiv dient ihm ein Satz MaxHorkheimers aus dem Jahre 1939: "Die Ordnung, die 1789 als fortschrittlich ihrenWeg antrat, trug vom Anbeginn die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich."Damit wird der Blick auf jene in Frankreich geborene Traditionslinie desnationalistischen Jakobinismus gelenkt, der ebensogut nach "links" wie nach"rechts" ausschlagen konnte.
Im April 1933 bezeichnete André Gide den Hitlerismus als einen "Boulangismus,der Erfolg hat". General Boulanger war jener populäre General und Kriegsministerder III. Republik, der sich weigerte, auf Arbeiter schießen zu lassen, und dernach seiner Entlassung daranging, eine Massenbewegung aus widersprüchlichstenGruppen, aus Royalisten, Bonapartisten, Linkssozialisten und Nationalisten zuorganisieren. Zu seinen radikalsten Anhängern gehörte Paul Déroulède, der Heldder Pariser Commune von 1871. Ein verbindendes Element der Bewegung Boulangers,der letztlich vor einem Staatsstreich zurückschreckte und 1891 Selbstmordbeging, war der antikapitalistisch aufgeladene Antisemitismus. Eine ähnlicheKonstellation kehrte während der Dreyfus-Affäre wieder, wo sich unter denAnti-Dreyfusards nicht wenige linke Antisemiten befanden. Dem integralenNationalismus eines Maurice Barrès und eines Charles Maurras, des Begründers derAction française, gelang also nicht zufällig die Liaison mit Elementen desSozialradikalismus auf der republikanisch-jakobinischen Linken. Um dieJahrhundertwende trugen diverse Gruppierungen die Insignien eines "socialismenationaliste", im Cercle Proudhon verkehrten seit 1911 Nationalisten undAnarchisten. Zuvor schon hatte Georges Sorel mit seinen "Réflections sur laviolence" (1906) den Mythos von der Gewalt als Säkularreligion des industriellenMassenzeitalters geschaffen.
Die sozialistischen Intellektuellen in den Parteien der II. Internationaleblieben von den neuen Ideen, von Darwin, Nietzsche und Sorel durchaus nichtunberührt. Weißmann verweist zu Recht auf die ideologischen Berührungspunkte dereuropäischen Linken mit dem provokativen Amoralismus der darwinistischen,weithin atheistischen Rechten. Daß sich auch die Fabian Society, vorneweg GeorgeBernard Shaw, um H. G.Wells, Beatrice und Sidney Webb für Eugenik alswissenschaftliche Grundlage des Sozialismus begeisterte, öffnet den Blick fürjenen Wissenschaftspositivismus, den die "Nazi doctors" auf den grauenhaftenHöhepunkt brachten.
Unter den Fabians, genauer in dem von den Webbs gegründeten InellektuellenzirkelCoefficients Club, diskutierten Sozialisten mit "Liberalen Imperialisten" überEugenik und "Empire-Sozialismus" und unter Anleitung von Lord Alfred Milner undH. J. Mackinder über Fragen der Geopolitik. Milner, als Hochkommissar imBurenkrieg verantwortlich für die Zustände in den Konzentrationslagern, trat1916 in das Kriegskabinett ein. Zu den Coefficients gehörte auch der spätereAußenminister Edward Grey. Von diesem kennt man gewöhnlich nur den Satz "Wirsind alle in den Krieg hineingeschliddert". In Wirklichkeit gehörte Grey währendder Julikrise 1914 im liberalen Kabinett zu den eifrigsten Befürwortern desKrieges.
Die Krise des alten Liberalismus, die Heraufkunft des demokratischenMassenzeitalters brachte ihre schillernden Ideologien hervor: Kulturpessimismus,Technokratismus, Dekadenz, Elitismus und darwinistisch eingefärbteGewaltphantasien. Als Katalysator der europäischen Bewußtseinskrise wirkte derErste Weltkrieg. Zugleich verdichtete die "totale Mobilmachung" im Großen Kriegin allen Ländern Nationalismus und Sozialismus zum National-Sozialismus, nachWeißmann eine originäre "dritte" Position zwischen den im "Weltrevolutionskrieg"seit 1917 konkurrierenden universalistischen Ideologien Wilsons und Lenins. AlsBeleg dient hier an erster Stelle der italienische Faschismus. Als Träger derSynthese sieht Weißmann aber allgemein den "Kriegssozialismus" in denverfeindeten Nationalstaaten, begründet durch den "Burgfrieden" beziehungsweisedie "union sacrée" im August 1914. Der Soziologe Johann Plenge sah in derKriegswirtschaft die Grundlage für einen am Gesamtwohl ausgerichteten"organisatorischen Sozialismus".
Weißmann führt all diese Fäden in seiner Interpretation des"National-Sozialismus" als einer epochalen europäischen Ideologie und Bewegungzusammen. Am Ende des Buches verweist er noch auf die "zweitenationalsozialistische Welle" in den dreißiger Jahren. Nicht zufällig traten ab1940 nicht nur abtrünnige Sozialisten und Kommunisten, sondern auch Hendrik deMan, Führer der belgischen Sozialisten, aus sozialistischer Überzeugung alsTräger der Kollaboration hervor.
Hitler und der NS-Faschismus verlieren in dieser Darstellung viel von ihrerdeutschen "Singularität". Allein aufgrund dieser historisierenden Perspektiveist wieder allerlei geschichtspädagogische Kritik zu erwarten. Der Qualität desBuches, an der nur ein kleiner faktischer Fehler - die Oberpfalz wird alsprotestantische Region deklariert - zu vermerken ist, tut das keinen Abbruch.
HERBERT AMMON
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