Musterschüler oder schwarzes Schaf?
von Katharina Zink (politik.de)08.03.2010
Schule ist schon lange kein Selbstläufer mehr. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Schulzugehörigkeit aus dem Wohnort ergab. Privatschulen sprießen wie Pilze aus dem Boden und junge Eltern diskutieren schon in der Krabbelgruppe die Wahl der richtigen Schule für das Kind. Spätestens seit dem miserablen Abschneiden deutscher Schüler bei der PISA-Studie ist auch die Politik alarmiert und sieht sich im Zugzwang. Die Frage nach der richtigen Unterrichtsform wird ohnehin immer drängender. Eine umfangreiche Antwort will die Hamburger Regierung ab dem kommenden Schuljahr 2010/11 geben.
Dort wurde von der schwarz-grünen Regierung unter der Führung von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) eine Reform beschlossen, die eine komplette Neustrukturierung der Schulen vorsieht. Das beginnt beim einzelnen Schüler, der bald kein Büchergeld mehr bezahlt, geht im Klassenverband, der zukünftig nicht mehr als 25 Mitglieder umfassen soll, weiter und endet in der Reduzierung auf drei Schulformen. Die Schullaufbahn beginnt in diesem Modell in der Primarschule, die sechs Jahre lang besucht wird. Danach geht es für die meisten Kinder in der Stadtteilschule weiter, die in sieben weiteren Jahren zum Abitur führt. Geeignete Schüler werden für das Gymnasium empfohlen, wo es die Hochschulreife schon nach der zwölften Jahrgangsstufe zu holen gibt. Hauptschul- und Mittlerer Abschluss sind an beiden weiterführenden Schulen möglich.
Diese Reform plant damit den radikalsten Schulsystemumbau, den die Bundesrepublik seit Bestehen erlebt hat. Gleichzeitig ist sie das Herzstück des grünen Ortsverbands, der Grün-Alternativen Liste (GAL). Deren Chefin Christa Goetsch - Bildungssenatorin, Vizebürgermeisterin und selbst von Hause aus Lehrerin – will hier die Inhalte des grünen Teils der Regierungskoalition etablieren. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) leistet Schützenhilfe und hat seine Partei auf den Kurs eingeschworen. Nachdem auch SPD und Linke hinter diesem Reformvorhaben stehen, wurde das Konzept nun in der Hamburger Bürgerschaft einstimmig angenommen. Der vielbeschworene „Hamburger Schulfrieden“ scheint somit greifbar.
Meinungen der Parteien

- CDU: Positionspapier zur Schulreform
- SPD: Landesparteitag verabschiedet Resolution zur Schulpolitik
- FDP: Zwangseinführung der Primarschule stoppen
- Bündnis 90/Die Grünen :Gemeinsam zum bildungspolitischen Aufstieg
- Die Linke: Position zur Volksinitiative
Eltern lassen sich aber die Bildung ihrer Kindern nur ungern aus der Hand nehmen. Viele von Ihnen haben sich in der Initiative „Wir wollen lernen!“ organisiert, die die Neugestaltung der Schullandschaft nicht den Politikern überlassen will. Die Organisatoren machen im großen Stil gegen die Reform mobil und haben bereits mit großem Erfolg einen Volksentscheid erwirkt. Dabei wehren sie sich insbesondere gegen die sechsjährige Primarschule: Vier Jahre gemeinsames Lernen ist nach Meinung der Kampagnenmacher genug. So wird in der Hansestadt am 18. Juli im Volksentscheid über Grundsätzliches abgestimmt und auch die Landespolitik rüstet sich schon für den bevorstehenden Stimmenkampf.
Dem wurde sie schon jetzt gerecht, indem die Politiker ihren eigenen Gesetzesvorschlag korrigierten: Das sogenannte Elternwahlrecht wird nun doch weiterhin bestehen. Die letzte Entscheidung über die Art der weiterführenden Schule bleibt bei den Erziehungsberechtigten, erst nach einem Probejahr in der siebten Klasse kann einem Schüler das Gymnasium verwehrt werden. Mit diesem Schachzug wurde der bürgerlichen Klientel von „Wir wollen lernen!“ zumindest teilweise der Wind aus den Segeln genommen und die Initiative dürfte wieder ein paar Unterstützer verloren haben. Klar ist aber auch, dass hiermit das letzte große Zugeständnis gemacht wurde.
Hamburg befindet sich in diesem Frühjahr mitten im Stellungskampf für eine radikale Bildungsreform, der im Lokalen beweisen kann, wie schlagkräftig Schwarz-Grün wirklich ist und im Nationalen ein Indiz für die Reformfähigkeit der deutschen Schulsysteme sein wird.














